Kein Mandat für «Québec libre»

In Kanadas Provinz Quebec ist der separatistische Premier Lucien Bouchard bestätigt worden. Der Stimmenanteil seiner Partei blieb aber unter den Erwartungen. Eine dritte Unabhängigkeits-Abstimmung scheint vorerst abgewendet.

Alle Meinungsumfragen hatten Bouchards Parti Québécois (PQ) einen Erdrutschsieg prophezeit. Der PQ erzielte jedoch in den Wahlen vom Montag nur 43 Prozent der Stimmen und fiel damit sogar hinter die antiseparatistische Liberale Partei zurück, die 43,6 Prozent erreichte. Trotzdem musste Bouchard nicht um die absolute Mehrheit bangen, denn Quebecs Wahlkreiseinteilung begünstigt die Separatisten. Diese gewannen 75 von 125 Parlamentsmandaten (zwei Verluste) und verwiesen die Liberale Partei mit 48 Sitzen (ein Gewinn) wieder in die Opposition.

Mit 50 Prozent gerechnet

Lucien Bouchard konnte sich seines Sieges nicht richtig freuen. Er hatte mit knapp 50 Prozent der Stimmen und mehreren Sitzgewinnen gerechnet und angekündigt, er werde nach 1980 und 1995 schon bald ein drittes Referendum über die Unabhängigkeit Quebecs ansetzen. Das unerwartet schlechte Abschneiden seiner Partei hat Bouchards Sezessionsplänen nun einen Dämpfer versetzt. Der zerknirscht wirkende Bouchard hielt einen Teil seiner Rede in der Wahlnacht auf englisch und erwähnte die Souveränität Quebecs nur am Rande. Sein wichtigstes Ziel sei es nun, Quebecs Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

Kein Mandat für Abstimmung

Der Chef der Liberalen Partei, Jean Charest, interpretierte das Wahlergebnis als klaren Sieg für die Gegner einer Abspaltung. «Die Zahlen zeigen, dass Bouchard kein Mandat für ein weiteres Referendum hat», sagte Charest gestern. Ähnlich sieht es auch Mario Dumont, der Führer der Action Démocratique, die trotz einem Stimmenanteil von fast zwölf Prozent nur einen Parlamentssitz gewann. Dies bedeutet indessen nicht, dass Quebec in den kommenden Jahren zu einer «normalen» kanadischen Provinz wird. «Quebecs Wähler wollen bei Kanada bleiben. Sie haben aber das Gefühl, eine separatistische Regierung könne gegenüber der Zentrale mehr Vorteile herausholen.» So erklärt sich Gilles Pacquet, Politologe an der Universität Ottawa, das Wahlresultat.

Mehr Kompetenzen

Bouchard hat angekündigt, er werde von Ottawa in der Sozial- und Gesundheitspolitik mehr Kompetenzen verlangen und die Sezessionsdrohung als Druckmittel benutzen. Kanadas Premier Chrétien erklärte sich gestern zur Zusammenarbeit bereit. «Aber wir werden unser Land verteidigen, falls Bouchard wieder von einer Abstimmung zu sprechen beginnt.»